Einfühlungsvermögen mit MEHRwert

Einfühlungsvermögen mit MEHRwert,                                                             Februar 2018

Als ich die Diagnose Niereninsuffizienz erhielt, fühlte ich mich, als würde ich in eine tiefe Schlucht fallen. Ich glaubte den Fallwind zu spüren, und sah im freien Fall Dinge, die ich gewohnt war zu tun seitlich an mir vorüberziehen, Freizeitaktivitäten ebenso wie meine kommunikative Berufung, der ich seit vielen Jahren als Brotkunst nachging.

„Sehen“ fand in diesem Zusammenhang damals nur vor dem imaginären Auge statt, denn die plötzliche Erkrankung hatte mir für einige Zeit das Sehvermögen zur Gänze genommen. Ja, Sie lesen richtig. Hätte ich an dem Tag, an dem es losging, meinen cleveren Jack Russel Terrier nicht mit am Arbeitsplatz gehabt, hätte ich den Weg vom Zug nach Hause wohl nicht mehr gefunden. Das war der Grund warum ich, als wir ins Klinikum Klagenfurt aufbrachen, eher an eine Bindehautentzündung als an alles andere gedacht hätte.

Welche Rolle die Nieren in unserem Körper spielen, und auch in welchem Abhängigkeitsverhältnis Sinnesorgane von inneren Organen stehen, war mir mit meinen damals 39 Jahren zur Gänze unbekannt. Wenn man gewohnt ist 24/7 mit dem Smartphone online zu sein und digitale Medien sowie Sozial-Media-Kanäle als Interessensfokus zu haben, dann erkennst du mit Schrecken, dass sich ohne „Sehkraft“ plötzlich gar nichts mehr spielt. Außer mit Hörbüchern konnte ich mich mit nichts mehr beschäftigen. Kein Telefonieren, keine SMS-Nachrichten, keine Zeitung, kein Buch, kein Fernsehen. Gefühlt bricht die Welt rund um dich zusammen. Dinge, die immer selbstverständlich waren, sind plötzlich nicht mehr möglich.

Es dauerte nicht lange bis aus der Nierenerkrankung die terminale Niereninsuffizienz wurde, ich dreimal pro Woche zur Hämodialyse musste und bald klar war, dass an einer Organtransplantation wohl kein Weg mehr vorbeiführen würde. Zur Existenz- und Zukunftsangst kam vor allem die Angst, es könnte alles vorbei sein, ehe man einen Bruchteil dessen, was man im Leben tun wollte, in die Tat umgesetzt hatte.

Ich gebe zu als mir bei der Dialyse Evi, die mir zu diesem Zeitpunkt bei der Dialyse immer gegenüber lag, vom Verein erzählte, hielt sich meine Begeisterung in Grenzen. Die Angst vor dem „Fremden“ war zu groß, und die „Krankheit-nicht-akzeptieren-Können“ noch zu stark. So musste ich zur Teilnahme an der ersten Vereinsveranstaltung noch überredet werden.
Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, an die Fahrt mit der Wörthersee-schifffahrt nach Pörtschach ins Seehotel Dr. Jilly. Ich kann kaum in Worte fassen, wie gut der Austausch mit Gleichgesinnten an diesem Sonntag im Herbst tat. Nicht nur das Sehen, dass es weitergeht, dass man ein annähernd normales Leben führen, auf Urlaub fahren und vielen Lieblingsbeschäftigungen auch während der Dialyse nachgehen konnte, gab so viel Kraft und einen Teil des verlorenen Lebenswillens zurück, mehr noch, es zeigte, dass es sich lohnen würde der Erkrankung nicht nur die Stirn zu bieten, sondern diese auch akzeptieren zu lernen.
Ich lernte Menschen kennen, die seit vielen Jahren mit einer transplantierten Niere zufrieden lebten, Menschen, die Ähnliches wie ich, nur auf einen noch längeren Zeitraum, mitgemacht hatten und heute wieder aktiv am Leben teilnahmen. Das erste Mal nach Langem erlebte ich einen netten, lustigen und motivierten Tag. Obwohl das Leben mit Dialyse, das Leben mit Spenderorgan und alle möglichen Facetten der Niereninsuffizienz thematisiert wurden, vergaß ich an diesem Sonntag in Pörtschach dank der vielen sympathischen Vereinsmitglieder meinen Rollstuhl kurzzeitig, war im Kopf leichtfüßig und dachte nicht an meine Erkrankung. Klingt komisch, spielte sich aber genauso ab.
Nur eines war noch da: die Angst vor einer Transplantation. Bis ich mit Darinka und einigen anderen Betroffenen nach dem Mittagessen am Tisch beim Austausch über die Erfahrungen vermittelt bekam, dass man sich vor der Transplantation nicht fürchten muss.

An dieser Stelle möchte ich Prim. Univ.-Prof. Dr. Markus Peck-Radosavljevic, OA Dr. Astrid Ebner, OA Dr. Rainer Huditz, OA Dr. Roland Luschnig und OA Dr. Kerstin Flatscher sowie dem Schwestern- und Dialyseteam rund um Elvira und Daniela von der Nephrologie im Klinikum Klagenfurt und dem Team der SK4 meinen tiefsten Dank aussprechen, denn sie alle waren immer sehr einfühlsam und kompetent und haben mir ohne Zweifel das Leben gerettet und mich mustergültig betreut. Auch dem Team der Transplantstation der Universitätsklinik Innsbruck mit Priv.-Doz. Dr.in Claudia Bösmüller und Univ.-Prof. Dr. Stefan Schneeberger, MBA und OA Dr. Thomas Resch meinen unvergänglichen Dank.

Von Patientinnen und Patienten, die diesen Weg hinter sich haben, deren eigene Erfahrungen mitgeteilt zu bekommen, die Möglichkeit zu haben sich mit ihnen barriere- und berührungsängstefrei auszutauschen, schenkt zusätzlich unbeschreiblich viel Vertrauen und Motivation. Darinkas Transplantation lag noch nicht lange zurück, und so ist es ihr authentisch gelungen mir Mut zu machen. In den Wochen darauf standen mir auch Gerda Zermann und Obmann Gernot Waste zur Seite, fragten immer wieder nach, wie es mir geht und unterstützten mich mental. Diese wertvolle Stütze, die man als Patient, insbesondere wenn man mit der Materie überhaupt nicht vertraut ist, vom Verein bekommt, ist unbeschreiblich wertvoll und in meinen Augen durch nichts ersetzbar.

Aus Fremden sind Dank dem Verein „Niere Kärnten“ vertraute Gesichter geworden und tolle Freundschaften entstanden. Dafür kann ich mich nur aus tiefer Überzeugung bedanken und versuchen, für jene Frauen und Männer, die in Zukunft vor der Dialyse oder einer Transplantation stehen ebenso eine Stütze zu sein.

Mario Wilplinger

 

 

 

 

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